LEXIKON · TAROT

Bilder, die
Fragen öffnen.

Geschichte. Symbolik. Eigene Perspektiven.

Tarot als Bildsprache verstehen: mit klarem historischen Fundament, tiefen Porträts und Raum für eine persönliche Lesart. Der erste Themenkreis führt durch alle 78 Karten des Rider-Waite-Smith.

Historische Originalbilder78 ausführliche PorträtsQuellen & eigene Geschichten

DAS HISTORISCHE FUNDAMENT

Zuerst ein Kartenspiel.

Tarot entstand im Italien des 15. Jahrhunderts als Kartenspiel. Frühe erhaltene Karten, etwa aus dem Visconti-Sforza-Umfeld, zeigen eine Bildwelt aus Hofleben, Tugenden, gesellschaftlichen Rollen und religiösen Vorstellungen. Die Karten waren nicht von Anfang an ein einheitliches geheimes Orakelbuch.

Spätere esoterische Deutungen sind eine eigene Geschichte. Im späten 18. Jahrhundert erklärte Antoine Court de Gébelin Tarot zum vermeintlichen Überrest altägyptischer Weisheit. Diese Ursprungserzählung ist keine belegte Geschichte der Karten, sondern ein wichtiger Teil ihrer späteren Umdeutung.

Morgan Library · Frühe Tarotkarten
Morgan Library · Die okkulte Umdeutung

Drei verschiedene Fragen

Geschichte: Wann entstand ein Deck, und welche Bilder oder Texte sind tatsächlich erhalten?

Tradition: Wie wurden diese Bilder von bestimmten Autoren, Schulen und Gemeinschaften ausgelegt?

Persönliche Lesart: Was eröffnet das Bild in einer konkreten Frage oder Erfahrung?

Diese Ebenen können sich bereichern. Sie sind aber nicht austauschbar: Eine stimmige Assoziation beweist keine antike Herkunft.

DAS DECK VERSTEHEN

78 Karten. Mehrere Maßstäbe.

22 KARTEN

Große Arkana

Vom Narren bis zur Welt: verdichtete Bilder von Schwellen, Rollen, Erkenntnis und Wandel. Im Rider-Waite-Smith stehen Kraft auf VIII und Gerechtigkeit auf XI. Andere Decktraditionen können anders ordnen.

Alle Großen Arkana
40 KARTEN

Asse & Zahlenkarten

Vier Farben mit Ass bis Zehn. Ihre Szenen richten den Blick häufig auf konkrete Situationen, Handlungen und Beziehungen. Eine Kleine Arkana ist deshalb nicht bedeutungslos oder grundsätzlich weniger tief.

Die vier Farben erkunden
16 KARTEN

Hofkarten

Bube, Ritter, Königin und König in jeder Farbe. Sie lassen sich als Personen, Rollen oder Handlungsweisen betrachten. Hier stehen Qualitäten im Mittelpunkt, die unabhängig von Alter, Geschlecht und Aussehen entwickelt werden können.

Alle Hofkarten

Die Bezeichnungen Große und Kleine Arkana gehören zur esoterischen Tarot-Sprache. Die Kleinen Arkana umfassen hier die 40 Asse/Zahlenkarten und die 16 Hofkarten. Der Aufbau ist für das behandelte Deck konkret belegt, kein Gesetz für jedes historische oder neu gestaltete Kartensystem.

Vier Farben, vier Blickrichtungen.

Die folgenden Element- und Themenbezüge sind verbreitete esoterische beziehungsweise heutige Lesekonventionen. Sie sind hilfreiche Orientierung, keine Naturgesetze und keine vollständige Erklärung jeder Karte. Ein Meer auf einer Schwertkarte macht diese beispielsweise nicht zur Kelchkarte.

FarbeElementBildfeldEine hilfreiche Frage
Stäbe · WandsFeuerLebendigkeit, Initiative, Richtung, EinsatzWas möchte in Bewegung kommen?
Kelche · CupsWasserEmpfindung, Beziehung, Resonanz, innere BilderWas berührt mich, und wie begegne ich dem?
Schwerter · SwordsLuftUnterscheidung, Sprache, Konflikt, KlarheitWas muss genauer gesehen oder benannt werden?
Münzen · PentaclesErdeKörper, Alltag, Mittel, Handwerk, BestandWas braucht einen tragfähigen Boden?

„Münzen“, „Pentakel“ und „Scheiben“ sind verwandte Benennungen verschiedener Decktraditionen. Im Rider-Waite-Smith tragen die Scheiben ein Pentagramm. Waite erklärt ausdrücklich, dass diese Farbe nicht ausschließlich Geldfragen behandelt. Ebenso sind Kelche nicht nur Liebeskarten und Schwerter nicht nur Unglückskarten.

Waite · Teil III, die vier Farben

Zahlen und Hofrollen als Orientierung.

Ein Ass lässt sich als verdichtete Möglichkeit einer Farbe lesen; die Zwei eröffnet häufig ein Gegenüber oder eine Spannung. Dreien können Entwicklung und Zusammenspiel, Vieren einen Rahmen und Fünfen eine Störung dieses Rahmens beleuchten. Sechsen, Siebenen, Achten und Neunen zeigen je nach Szene sehr unterschiedliche Formen von Ausgleich, Prüfung, Arbeit oder Reife. Zehnen betrachten häufig einen erreichten Bestand, eine Sättigung oder einen Endpunkt.

Das ist ein heutiges Lesemodell, keine durchgehende Rechenregel. Die Sechs der Stäbe zeigt öffentliche Anerkennung, die Sechs der Schwerter einen Übergang und die Sechs der Münzen eine ungleiche Verteilungssituation. Erst das konkrete Bild macht die Zahl aussagekräftig.

Bube · Page

Erkunden, lernen, wahrnehmen und eine erste Botschaft formulieren. Ein Anfängerblick kann auch innerhalb großer Erfahrung wichtig werden.

Ritter · Knight

Eine Qualität in Bewegung bringen. Die vier Ritter unterscheiden sich besonders in Tempo, Beweggrund und Umgang mit Verbindlichkeit.

Königin · Queen

Eine Qualität bewohnen, wahrnehmen und einen tragfähigen Raum dafür schaffen. Keine geschlechtsgebundene Pflicht zu Fürsorge oder Passivität.

König · King

Eine Qualität nach außen verantworten, Entscheidungen tragen und Bedingungen gestalten. Autorität wird am Gebrauch ihrer Macht geprüft.

VOM BILD ZUR BEDEUTUNG

Erst sehen. Dann deuten.

  1. Beschreiben

    Was ist tatsächlich abgebildet? Zähle Gegenstände, betrachte Hände, Blickrichtung, Abstand, Haltung und Landschaft. „Eine Person geht fort“ ist eine Beobachtung; „Sie wird verlassen“ bereits eine Erklärung.

  2. Bewegung erkennen

    Wer handelt, wer wartet, wer trägt? Was liegt im Vordergrund und was bleibt am Rand? Die Erzählung entsteht häufig aus dem Verhältnis der Elemente, nicht aus einem isolierten Symbol.

  3. Quelle und Tradition prüfen

    Waites Bildbeschreibung, seine Wahrsageliste und heutige psychologische Lesarten können voneinander abweichen. Ein interessantes Detail muss nicht bereits von ihm erklärt worden sein.

  4. Mit der eigenen Frage verbinden

    Welche beobachtbare Situation berührt dieses Bild? Formuliere eine mögliche Lesart, nicht sofort ein endgültiges Urteil. Persönliche Assoziationen dürfen ergänzen, solange ihre Herkunft erkennbar bleibt.

  5. Eine reale Antwort suchen

    Was lässt sich fragen, beobachten oder ausprobieren? Eine hilfreiche Deutung vergrößert den Handlungsspielraum und bleibt offen für Erfahrungen, die ihr widersprechen.

Ein Beispiel: Sechs der Stäbe

Bild: Ein bekränzter Reiter wird von Menschen begleitet.

Historischer Bezug: Waite nennt Sieg, gute Botschaft und erfüllte Hoffnung.

Weiterführende Lesart: Anerkennung annehmen, Beiträge anderer sichtbar machen und den eigenen Wert nicht vollständig vom Beifall abhängig machen.

Das vollständige Porträt lesen →

EINE LEBENDIGE PRAXIS

Offen lesen, ohne beliebig zu werden.

Aufrecht und umgekehrt

Umgekehrte Karten müssen nicht verwendet werden. Wer mit ihnen arbeitet, kann etwa nach Blockierung, Übermaß, innerer Verarbeitung oder einer anders gerichteten Qualität fragen. Die Lage entscheidet nicht automatisch, welche dieser Möglichkeiten zutrifft. Bei Waite bleibt die Vier der Stäbe umgekehrt ausdrücklich günstig; die einfache Formel „aufrecht gut, umgekehrt schlecht“ passt schon deshalb nicht.

Licht und Schatten gehören zusammen

Eine Qualität kann hilfreich sein und bei Übermaß kippen: Klarheit in Härte, Fürsorge in Kontrolle, Ausdauer in Starrheit. Eine scheinbar schwierige Karte kann umgekehrt einen nötigen Abschied oder eine ehrliche Grenze sichtbar machen. Das macht Schmerz nicht automatisch gut und Erfolg nicht automatisch verdächtig. Es erweitert nur die Frage nach Maß, Kontext und Folgen.

Kombinationen sind Beziehungen, keine Geheimformeln

Zwei Karten können sich ergänzen, widersprechen oder verschiedene Phasen zeigen. Die erklärte Gegenüberstellung von Acht und Drei der Münzen trennt etwa individuelles Üben von gemeinsamer Abstimmung. Solche Vergleiche werden hier als eigene Lesemodelle angeboten, nicht als unveränderliche Regeln, nach denen eine Kartenfolge ein bestimmtes Ereignis erzwingen würde.

Götter, Astrologie und weitere Zuordnungen

Manche Bezüge sind im Text ausdrücklich genannt, etwa Hermes beim Caduceus der Zwei der Kelche oder Galahad beim Ritter der Schwerter. Andere sind spätere Analogien. Astrologische, kabbalistische und numerologische Systeme unterscheiden sich nach Schule und Deck. Dieses Lexikon stapelt sie nicht ungeprüft übereinander und gibt keinen einzelnen davon als universell vor.

Fragen, die etwas öffnen

„Was übersehe ich?“, „Welche Grenze ist nötig?“ oder „Was wäre ein kleiner überprüfbarer Schritt?“ lässt mehr Raum als eine erzwungene Ja-Nein-Prognose. Die Karten können Reflexion und Gestaltung anregen. Sie liefern keine gesicherten Gedanken anderer Menschen und ersetzen keine reale Klärung einer wichtigen Entscheidung.

So liest du dieses Lexikon.

Jedes Porträt enthält einen Steckbrief, vier erläuterte Bilddetails, den historischen Bezug bei Waite, eine ausführliche heutige Lesart und ihre Schattenseiten. Es folgen 40 geordnete Schlagworte, qualifizierte mythologische oder kulturelle Verbindungen, eine zusätzliche Vertiefung und zwei erklärte Kartenvergleiche.

Eine eigene literarische Miniatur trägt den Charakter der Karte als Atmosphäre. Sie ist keine alte Legende und keine Übersetzung eines Quellenstücks. Zwei Fragen und ein kleiner praktischer Impuls führen zurück in eine eigene Betrachtung. Deutsche und englische Namen sowie gebräuchliche Varianten sind durchsuchbar.

Alle 78 Karten erkunden

QUELLEN & EINORDNUNG

Worauf die Texte beruhen.

  1. Morgan Library & Museum · Visconti-Sforza Tarot Cards

    Museale Einordnung früher Karten als Spiel des italienischen 15. Jahrhunderts.

  2. Morgan Library & Museum · Occult Tarot

    Die ägyptische Ursprungserzählung und die esoterische Umdeutung im späten 18. Jahrhundert.

  3. Morgan Library & Museum · Tarot! Renaissance Symbols, Modern Visions

    Das 1909 entstandene Deck von Waite und Smith im kunsthistorischen Zusammenhang.

  4. A. E. Waite · The Pictorial Key to the Tarot, Teil II

    Primärquelle für die ausführlichen symbolischen Erläuterungen der Großen Arkana. Historischer esoterischer Text, kein Nachweis seiner metaphysischen Behauptungen.

  5. A. E. Waite · The Pictorial Key to the Tarot, Teil III

    Bildbeschreibungen und Bedeutungslisten der Kleinen Arkana sowie Wahrsageangaben zu den Großen Arkana. Widersprüche und zeitgebundene Stereotype werden nicht als allgemeingültige Tatsachen übernommen.

  6. Wikimedia Commons · Historischer Pam-A-Kartensatz

    Bildquelle für Pamela Colman Smiths Originalillustrationen in einer historischen Ausgabe um 1910. Die einzelnen Dateinachweise stehen auf jeder Kartenseite.

Redaktionsstand: 15. September 2026. Bildbeobachtungen, historische Quellenangaben und eigene heutige Deutungen sind getrennt gekennzeichnet. Schlagwortfelder, Vergleiche, Geschichten und Übungen sind redaktionelle Zusammenstellungen beziehungsweise eigene Texte, keine angeblich vollständig überlieferte Geheimlehre.